"Der Streik ist einfach das falsche Mittel" (2024)

#wiegehtesuns | Mutter von Kita-Kind - "Der Streik ist einfach das falsche Mittel"

Mo 08.07.24 | 06:16 Uhr

46
"Der Streik ist einfach das falsche Mittel" (1)

    Ab Montag ruft Verdi zu fünf Tagen Kita-Streik auf. Die Berlinerin Franziska Lent ist dagegen. Sie hat zwei Kinder, davon ist eins schon in der Schule, eins geht noch in die Kita und wird im September eingeschult.

    In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie ihr Leben gerade aussieht - persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

    "Mich macht dieser Streik hilflos, wütend und ich habe mäßig Verständnis dafür. Auch wenn ich grundsätzlich die Ziele, die Verdi in dem Tarifvertrag nennt, gut finde und auch unterstütze.

    Was ich wirklich vermisse, ist eine Kommunikation mit uns Eltern. Wir kriegen dann wieder einen Brief: "Ja, es wird wieder gestreikt, bitte organisieren Sie sich selber." Ha ha! Also das finde ich zu wenig, und ich bräuchte da einen Dialog.

    • dpa

      Ab Montag - Verdi ruft zu fünftägigem Kita-Streik in Berlin auf

      Bis Freitagvormittag hat die Gewerkschaft Verdi auf eine Antwort des Senats gewartet, doch die blieb offenbar aus. Und so kommt es, wie bereits angedroht: Ab Montag bleiben die kommunalen Kitas in Berlin für die ganze Woche geschlossen.

    Vor einem halben Jahr ging es bei den Streiks um Löhne, da ging es um Inflationsausgleich, das kann man konkret fordern. Pauschal „wir brauchen eine bessere Personaldecke und die soll uns garantiert werden“ - das finde ich schwierig per Streik zu erpressen - und dann auch nur für die landeseigenen Kitas.

    Was mich wirklich ärgert, ist auch etwas Moralisches. Die kriegen ja auch Streikgeld. Ich bin selbst Freiberuflerin, und wenn ich nicht arbeiten gehe, kriege ich kein Geld. Ich krieg's auch nicht, wenn ich krank bin, ich krieg's auch nicht, wenn ich Urlaub mache, ich kriege auch keinen Ausgleich wegen der Inflation.

    Ich denke: Okay, man kann auch mal streiken gehen. Aber in dem Ausmaß finde ich es nicht in Ordnung.

    Die kriegen ja auch Streikgeld. Ich bin selbst Freiberuflerin - und wenn ich nicht arbeiten gehe, kriege ich kein Geld.

      Ich glaube, es muss irgendwann andere Wege geben. Ich fühle mich hängengelassen, auch wenn ich verstehe, dass sich die Erzieher genauso hängengelassen fühlen.

      Ein Problem ist ja, dass es nicht genug Personal gibt – nicht in den öffentlichen Kitas und genauso wenig bei den freien Trägern. Die große Frage muss die nach der Personalgewinnung sein, finde ich: Wie können wir Leute kriegen?

      Da müssen wir weiterdenken. Man könnte zusätzlich mit kleinen Stellen arbeiten - der Personalschlüssel ist ja in den meisten Kitas noch nicht ausgereizt - und Leuten die Möglichkeit geben, in den Job reinzuschnuppern und vielleicht nur Teilzeit zu arbeiten, weil der Job eben sehr anstrengend ist.

      Es wird immer so auf Vollzeit gepocht, oft heißt es "nur in Teilzeit", das klingt so wertend. Ich frage mich auch, ob das noch so zeitgemäß ist. Gerade in nervlich anstrengenden Jobs kann Teilzeit ein Schlüssel sein

      Damit wird man wahrscheinlich nicht die ganze Personaldecke weben können. Es muss auch immer die geben, die 30 und 40 Stunden da sind, um eine Kontinuität zu ermöglichen. Die gibt's ja auch, aber die muss man entlasten. Es ist schon ganz viel wert, wenn man die an zwei Tagen entlastet.

      Bei den freien Trägern schaue ich mir manchmal die Stellenausschreibungen an, ich bin auch als Musikpädagogin in Kitas unterwegs. Da nehme ich wahr, dass es studentische Mitarbeiter gibt, die nur an einem Donnerstag und an einem Freitag arbeiten, oder dass es pädagogische Fachkräfte gibt, die nur an zwei Tagen da sind. Das ist wahrscheinlich nicht optimal, aber es ist besser als nix und es ist ein Ansatz. Eben nicht nur diese fünf-Tage-Woche, sondern flexibler agieren. Das muss man ausprobieren, denke ich. Vielleicht verwirft man bestimmte Ideen wieder, aber ich glaube, es lohnt sich, die auszuprobieren.

      Oder zum Beispiel Aushilfskräfte auf Übungsleiterpauschale oder FSJler oder Bufdis [Absolvent:innen eines Freiwilligen Sozialen Jahres oder des Bundesfreiwilligendienstes, d. Red]. Das macht natürlich alles zusätzliche Arbeit, möglicherweise auch ein bisschen mehr Chaos in den Kitas. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, die Leute mit ins Boot zu holen. Vielleicht wird jemand merken, der ungelernt ist und auf Übungsleiterpauschale aushilft, dass er oder sie das ganz gut kann und dann eine Weiterbildung zur Erzieherhelferin oder –helfer macht.

      Einfach nur darauf zu bestehen, dass es pädagogische Fachkräfte sein müssen, wird nicht funktionieren. Die sind nicht da und die werden auch so schnell nicht da sein.

        Das ist niedrigschwellig, das können auch Leute ohne Abschluss machen. Einfach nur darauf zu bestehen, dass es pädagogische Fachkräfte sein müssen, wird nicht funktionieren. Die sind nicht da und die werden auch so schnell nicht da sein.

        Der Streik ist einfach das falsche Mittel. Ich glaube, es ist nicht unrealistisch, die Personaldecke langfristig zu verbessern. Das wollen wir alle, und da müssen sich viele, viele Leute an den Tisch setzen, Verbände, Organisationen, LEAK [Landeselternausschuss Kita, d. Red.], Eigenbetriebe, Ver.di, andere Gewerkschaften.

        • dpa/Skolimowska

          Berliner Erzieher über ihren Arbeitsalltag - "Die pädagogische Arbeit kommt häufig zu kurz"

          Am Montag tritt das Personal der landeseigenen Kitas in einen fünftägigen Streik. Es geht ihnen um bessere Arbeitsbedingungen. Drei Erzieherinnen und ein Erzieher erzählen aus ihrem Arbeitsalltag.

        Ich will überhaupt nicht die pädagogische Arbeit der Erzieher:innen infrage stellen. Die verdienen ganz, ganz großes Lob, und die verdienen auch ein ganz, ganz, großes Lob, dass sie das bisher so wuppen. Ich verstehe auch, dass es denen schwerfällt, dabei zu bleiben.

        Es ist eine wahnsinnig schwierige Situation. Aber ich glaube, dass dieser Streik keine Aussicht auf Erfolg hat, weil es so eine schnelle Lösung einfach nicht gibt.“

        Gesprächsprotokoll: Christina Rubarth

        Sendung: rbb24 Abendschau, 08.07.2024, 19:30 Uhr

        Die Kommentarfunktion wurde am 08.07.2024 um 10:57 Uhr geschlossen. Die Kommentare dienen zum Austausch der Nutzerinnen und Nutzer und der Redaktion über die berichteten Themen. Wir schließen die Kommentarfunktion unter anderem, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt.

        Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

        1. 46.

          Wo ist die Strategie des Senats aus dem Ruder gelaufen (eskalativ)? Der gesetzliche Rahmen bzgl. TdL ist doch eindeutig. In der Zeit, in der Berlin nicht in der TdL war es dann genau umgekehrt oder?
          Und @ 45: Ich verstehe die Eltern, die die ausufernden Streiks kritisieren, sehr gut. Nicht jeder hat Grosseltern in Berlin, die morgens die Enkel von 3 bestreikten Kitas einsammeln und eine Woche betreuen. Viele Eltern denken auch verantwortungsbewusst und sehen ihr Kind lieber in der Kita als ggf. neben dem Schreibtisch mit dem tablet.
          Mein Bericht " wie geht es uns als Oma mit den Streiktagen in Schule und besonders in der Kita " kommt dann noch.

        2. 45.

          Antwort auf [TimoBeil] vom 08.07.2024 um 10:05

          Als wenn heute noch großartig ein Bildungsauftrag in den meisten Kitas erfüllt wird. Schön wärs ja. Meistens sieht es doch aber ohnehin ganz anders aus. Kinderaufbewahrung, damit die Eltern arbeiten können. Und sich am Ende wundern, wenn die nächsten Generationen immer ungebildeter werden

        3. 44.

          Antwort auf [Marcel] vom 08.07.2024 um 08:37

          Ach na Sie sind ja lustig. Und in den "wohlhabenderen" Kommunen herrscht kein Personalmangel? In Brandenburg zB gleiches Spiel. Aktuell vielleicht kein Streik, dafür aber nahezu täglich Mails und Nachrichten und Schildchen, dass keine Leute da sind und man die Kinder doch möglichst zu Hause betreuen soll. Oder eben sonst wo. Hauptsache nicht in der Kita. Sonst werden die Gruppen eben einfach geschlossen, wenn die Eltern nicht hexen können. Ein nicht ganz unerheblicher Unterschied dabei ist, dass die Eltern in Brandenburg größtenteils nicht wenig Geld monatlich dafür abliefern dürfen, dass ihre Kinder kaum betreut werden können. Also auf der anderen Seite ist das Gras auch nicht grüner.

        4. 43.

          "Was mich wirklich ärgert, ist auch etwas Moralisches. Die kriegen ja auch Streikgeld. Ich bin selbst Freiberuflerin, und wenn ich nicht arbeiten gehe, kriege ich kein Geld."
          Die Gewerkschaftsmitglieder zahlen Beiträge, daraus wird das Streikgeld finanziert.
          Das Geld kommt nicht aus dem nichts...

          Weiß die Dame überhaupt wie eine Gewerkschaft funktioniert?

        5. 42.

          Meines Erachtens werden die Ursachen für die erhöhten Belastungen des Kita-Personals in dem RBB Beitrag nicht diskutiert.

        6. 41.

          Antwort auf [Poster] vom 08.07.2024 um 10:06

          Vor diesem Hintergrund ist es unerklärlich warum so manche Eltern die Streikenden kritisieren.
          Hier läuft etwas gerade komplett aus dem Ruder. Es wirkt als solle eine Keil zwischen Streikende und Eltern getrieben werden. Und einige Eltern springen da warum auch immer sogar drauf an.

        7. 40.

          Antwort auf [Elisabeth ] vom 08.07.2024 um 10:05

          Ja die Einstellung ist eine andere weil in Deutschland die Anreize NICHT zu arbeiten immer höher werden. Das heißt nicht, dass die meisten Beschäftigten nicht mehr arbeiten wollen, aber Einfluss auf die Arbeitspsyche hat das sicherlich schon.

        8. 39.

          Antwort auf [Elisabeth ] vom 08.07.2024 um 10:05

          Und weil es damals ging, ist es heute auch gut?
          Na dann immer weiter so, Entwicklung unnötig.

        9. 38.

          Antwort auf [Poster] vom 08.07.2024 um 10:04

          Genau! Das Problem ist nicht, dass die Erzieher zu viel streiken, sondern dass nicht noch viel *mehr* Bevölkerungsgruppen gegen die marode Infrastruktur und die systematische Vernachlässigung der Zukunft unserer Kinder auf die Straße gehen.

        10. 37.

          Löhne werden so erkämpft. Das Arbeitsministerium legt diese nicht fest... in einer freien Gesellschaft. Wäre es nicht schlimm Ansp*rn abzuwirken, wenn „jemand“ zuteilt: Was die Erzieher oder „Börsenmakler“ verdienen dürfen? Verwaltungen fallen bei den eigenen Leuten nicht durch das Gönnen auf...egal ob Polizei, Feuerwehr u.a.

        11. 36.

          Antwort auf [Kinkerlitzchen ] vom 08.07.2024 um 09:40

          Mit früher mein3 ich vor 15 Jahren. Ja, es ist immer ein Wandel in der Gesellschaft. Nur bewältigen möchte sie keiner mehr. Alles soll der Staat regeln. Was tu ich für men Land ohne ständiges einfordern. Ich rate Berufswechsel. Job mit 25 std d. Woche.

        12. 35.

          Der Senat hat hier nicht nur keine schnelle Lösung, er hat keinerlei Ansatz für Verbesserung. Absolute Blockade. Absolut eskalative Strategie.

        13. 34.

          Antwort auf [Kinkerlitzchen ] vom 08.07.2024 um 09:40

          Es waren Gastarbeiter und Familien mit mehr Kindern vorhanden, eine Kita wR mit Gruppen von bis 40 Kindern! Ich denke, das können sich heute di3 fördernden gar nicht vorstellen! Ist einfach Fakt. War eben so. Eltern gingen arbeiten und die Kitas waren voll ! Alles wurde bewältigt. Die Einstellung ist eben eine andere,

        14. 33.

          Die Frau möchte verlässliche Kinderbetreuung um ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können. Ich denke nicht, dass sie der Kita einen Bildungs- oder Erziehungsauftrag erteilt hat.

          Ich denke, es müsste auch Kitas ohne Bildungs- oder Erziehungsauftrag aber mit Betreuungsgarantie geben. Aber die Eltern werden ja nicht gefragt, ob sie das wollen. Das wäre doch mal was für eine online-Abstimmung.

        15. 32.

          Ein alternativer Weg wäre ein Elternstreik. Also, genaugenommen, ein Elternprotest. Schön regelmäßig die Stadt lahmlegen, am besten mit Kindern und Bobbycar oder Spielzeugtrecker ... hat bei anderen ja wunderbar zur weiteren finanziellen Besserstellug funktioniert. Hier schlummert soviel Potential und es wäre auch für die Erzieher eine Zeichen, dass wir sie nicht allein lassen. Nur ... wie erreicht man diese Mobilisierung?

        16. 31.
          Antwort auf [Bärlinerin] vom 08.07.2024 um 07:39

          Von Selbständigkeit/Freiberufler haben Sie offenbar keine Ahnung…
          Mal davon abgesehen ,dass der Krankenversicherungsbeitrag sehr hoch ist (doppelt wg AG Anteil), versichert keine KK mit Krankengeld ab dem 1.Tag…Selbständige u Freiberufler sind in der Coronazeit z.B.komplett leer ausgegangen .Also diesbezüglich ist Ihre Kritik völlig unfair!Wir vergessen jetzt auch nicht ,dass diese Gruppe meist auch zu den Vollzahlern der Kita u Hortgebühren zählt.Man sollte den Mut honorieren für Selbstständige

        17. 30.
          Antwort auf [Elisabeth ] vom 08.07.2024 um 08:52

          Hatten die Kinder früher auch in der Masse denselben Förderbedarf wie heute, waren früher auch so viele Kinder mit Migrationshintergrund aus vielen verschiedenen Kulturen in den Kitas oder vielleicht nur die türkischen Einwandererkinder?
          Reden Sie von der DDR-Zeit? Da herrschten wohl andere Voraussetzungen als heute…….und wie mein Opa immer zu sagen pflegte „früher war auch noch Kri*g“…….Äpfel mit Birnen vergleichen hilft den Mitarbeitern HEUTE nichts, die Zeiten sind komplett andere als früher ;-)

          In einem gehe ich mit: „ich muss das ja mitmachen weil ich Haus und Auto abbezahlen muss“, da fehlte mir 2021/22 schon das Verständnis für so viele allerdings aus anderen Gründen als Sie meinen.

        18. 29.
          Antwort auf [Elisabeth ] vom 08.07.2024 um 08:52

          Gönnen können ist die Devise, die Ihr Ego wohl verpennt hat.

        19. 28.

          Wenn Franziska Lent dagegen ist, dass gestreikt wird, kann sie ja selbst Erzieherin werden oder sich an Senat und Träger wenden, mit denen die Verträge abgeschlossen werden. Ansonsten ist ein Arbeitskampf nämlich eine Sache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

        20. 27.

          Löhne werden so erkämpft. Das Arbeitsministerium legt diese nicht fest... in einer freien Gesellschaft.

        Weitere Kommentare anzeigen
        Kommentartexte aufklappen

        "Der Streik ist einfach das falsche Mittel" (2024)

        References

        Top Articles
        Latest Posts
        Article information

        Author: Edwin Metz

        Last Updated:

        Views: 5461

        Rating: 4.8 / 5 (78 voted)

        Reviews: 85% of readers found this page helpful

        Author information

        Name: Edwin Metz

        Birthday: 1997-04-16

        Address: 51593 Leanne Light, Kuphalmouth, DE 50012-5183

        Phone: +639107620957

        Job: Corporate Banking Technician

        Hobby: Reading, scrapbook, role-playing games, Fishing, Fishing, Scuba diving, Beekeeping

        Introduction: My name is Edwin Metz, I am a fair, energetic, helpful, brave, outstanding, nice, helpful person who loves writing and wants to share my knowledge and understanding with you.